Stefan Heinisch

Stefan Heinisch

Stefan Heinisch leitet die Bewerbungsinitiative “Salzkammergut Kulturhauptstadt Europas 2024”. Dabei gelingt es ihm, Brücken zwischen Tourismus, Regionalentwicklung und Kunst und Kultur im ländlichen Raum zu bauen. Auch in der Vergangenheit war der gelernte Touristiker bereits “zwischen den Stühlen” tätig, so etwa bei den Projekten Nockart oder da&dort. Heute lebt er mit seiner Familie im Osten des Salzkammerguts, im Almtal.

Du leitest die Bewerbungsinitiative Salzkammergut Kulturhauptstadt Europas 2024 seit Beginn an – was hat dich bisher am meisten überrascht, positiv wie negativ?

Im Grunde bin ich für die Gesamtkoordination des Vorhabens verantwortlich. Die Definition ist mir sehr wichtig, da wir hierarchisch flach agieren und uns als Netzwerkorganisation gleichberechtigter Akteur*innen verstehen. Ich muss auch sagen, dass diese Aufgabe (Anmerkung: Regionaler Kulturentwicklungsplan und Bewerbungsinitiative Kulturhauptstadt Europas 2024) ein absolutes Lieblingsprojekt für mich ist. Kunst und Kultur als Motor für Regionalentwicklung und Innovationskultur. Negativ empfinde ich, wenngleich das nicht störend wirkt, da nur auf Einzelakteure beschränkt, die mangelnde Bereitschaft sich gemeinsam mit uns mutig in die Zukunft und über den Tellerrand bestehender, eigener kommunaler Denkmuster zu bewegen. Positiv und sehr prägend hingegen ist die gute Stimmung im Team, unserer Steuerungsgruppe und die Tatsache, dass drei LEADER-Regionen ein Europaprojekt, das zu großen Teilen aus der Zivilgesellschaft kommt, fördern. Das ist wahrscheinlich die erste Bewerbung für diesen prestigeträchtigen Titel, die aus Mitteln für die Entwicklung des ländlichen Raums gefördert wird (Anmerkung: 80% Förderquote).

Was fasziniert dich persönlich am Salzkammergut?

Die Dichte an Kultur- und Naturlandschaft und die salzkammergütlerisch spezifische Mentalität der Menschen, die sich über drei Bundesländer streckt. Vor allem Bad Ischl, das gleichzeitig inneralpin-ländlich konstituiert ist, aber auch einen gewissen urbanen Charme versprüht. Ich fahre meistens mit der Bahn nach Ischl und wenn ich dann zu Fuß so ab Höhe des historischen Postgebäudes, die Trinkhalle, die Pfarrgasse und dahinter die Katrin sehe, dann verstehe ich, warum so viele Menschen, Reisende, Künstler*innen immer wieder gerne hier her kamen und noch kommen. Als gebürtiger Ansfeldner beginnt mein Salzkammergut aber an der Esplanade am Traunsee. Als Kind des oberösterreichischen Flachlands war Gmunden für mich immer sowas wie die oberösterreichische Riviera. Im Alter von fünf Jahren habe ich auf der Postalm in Strobl Skifahren gelernt, einige Sommer verbrachten wir im Oberbank-Ferienheim in Zinkenbach (Abersee/Gschwendt) und unser Skiclub (Haid/Ansfelden) peilte für Tagesausflüge regelmäßig den Feuerkogel an. Diese Orte sind mir sehr vertraut.

Worin erkennst du als (ehemaliger) Touristiker die Chancen der Bewerbung für das Salzkammergut als Tourismusregion?

Da halte ich es ganz mit Harry Gatterer, dem Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, der meint: „Der Begriff Tourismus passt nicht mehr ins Lebenskonzept des 21. Jahrhunderts“. Und genau darin liegt die Chance, nämlich abseits bekannter Strategiekonzepte mit Mut und Akzeptanz eines breiten Kulturbegriffs (in dem Tourismus nicht mehr die alles bestimmende Kraft darstellt!) den Lebensraum, in dem sich die Bürger*innen und temporär Einheimische (also die Reisenden) auf Augenhöhe begegnen, partizipativ mitzugestalten. Die Bewerbung kann in unserem Fall als „Veränderungsmotor“ dienen, dieser Lernprozess ist in den nächsten 5 bis 10 Jahren für die Branche ohnehin unausweichlich. Die eigentliche Chance, um die Frage zu beantworten, liegt in der Etablierung eines nachhaltigen Geschäftsmodells für Kulturtourismus.

Stell dir vor, es ist der 12. November dieses Jahres, die Entscheidung lautet: Bad Ischl- Salzkammergut wird Kulturhauptstadt(-region) 2024. Worauf freust du dich am meisten?

Auf die nächsten Schritte. Die Transformation aus der (dann erfolgreichen) „Bewerbung“ hin zum konkreten „Management“ für ein 6-Jahres Projekt. Das ist dann ein weiteres spannendes Kapitel, das es zu gestalten gilt. Und auf ein großes, kaltes Bier, um mit dem Team anzustossen und den Blick zurück auf Anekdoten, Meilensteine, Rückschläge und knapp zwei Jahre Bewerbungsprozess zu werfen.

10 Jahre später: Wie sieht das Salzkammergut von 2034 idealerweise aus?

Vernetzt, offen, digital und immer noch analog und eigensinnig. Ein Ort der Kreativwirtschaft und Bildung. Ein Ort an dem zeitgenössische Manifestationen genau so Platz haben wie Kaiser Franz Josef und Sissi. Aufgrund der Kulturhauptstadt geniessen Kunst und Kultur dann einen höheren Stellenwert, v.a. auch in kleineren Gemeinden. Apropos Gemeinden. 2034 beschäftigen fast alle Salzkammergut-Gemeinden einen Innovationsbeauftragten und leben (neben serviceorientierter Verwaltung) einen aktiven kommunalen Gestaltungsauftrag und fördern regionale Innovationskultur. Das Salzkammergut ist dann eine der progressivsten Provinzen Europas. Die Inklave.