Share:

Radio Jazz Research Fachtagung

Jazz in den europäischen Medien – Historische Betrachtungen und aktuelle Strömungen

25/04/24Donnerstag, 09:00Dauer 9hGoiserer MühleKurparkstraße 9, 4822 Bad Goisern am Hallstättersee
Fachtagung
© Radio Jazz Research

Beschreibung

Als Kinder des 20. Jahrhunderts stehen Jazz und Radio seit jeher in engem Austausch. Ohne die Verstärkung durch den Rundfunk hätte der Jazz, dieses Amalgam aus musikalischen Formelementen mit afrikanischer, karibischer, europäischer (und in Spurenelementen auch autochthon amerikanischer) Signatur wohl kaum die Grenzen seines ethnisch und sozial eng umrissenen Umfelds in bestimmten Teilen der US-amerikanischen Südstaaten sprengen können, sondern wäre bestenfalls als eine von vielen regionalen Stilistiken der Musik dieser Welt überliefert worden. Wenn überhaupt. Umgekehrt profitiert der Rundfunk noch heute von all den aufregend neuen Musikformen, die sich unter dem maßgeblichen Einfluss der Jazz herausdifferenzierten, Jazz in seinen verschiedenen Stilistiken, Blues und R&B, Rock und Pop, Soul und HipHop, die für die kurzfrequenten Aufmerksamkeitsspannen, die das breite Publikum medial vermittelter Musik gegenüber aufzubringen vermag, wesentlich besser geeignet scheinen, als es beispielsweise die langen Spannungsbögen im Geist der klassischen, europäischen Kunstmusik gewesen wären. Zugleich trug der stilistisch hybride Jazz schon von Anfang an den Keim zu seiner Globalisierung in sich, zu einer Grenzenlosigkeit, wofür wiederum der Rundfunk ein paradigmatisches Vertriebsmittel ist.

Auf seiner 47. Arbeitstagung im April 2024 in Bad Goisern nimmt der internationale Arbeitskreis Radio Jazz Research, der das Interesse an den Schnittfeldern von Jazz und Rundfunk schon im Namen trägt, das Thema „Das europäische Jazz-Radio“ in den Fokus. Dabei sind es zwei Linien, die das Programm strukturieren. Auf der ersten Schiene geht es um die bis heute wirksame Symbiose von Jazz und Rundfunk in Sachen Technologie, vom Aufnahmeprozess über die Speicherung und Archivierung in den Hörfunkstudios selbst aufgenommener Musik sowie fertiger, ausgestrahlter Programme. Die Amsterdamer Medienwissenschaftlerin Carolyn Birdsall wirft einen Blick in europäische Rundfunkarchive aus den Jahren 1930-1940 und geht der Frage nach, wie ‚populäre’ Musik (zu der der Jazz auch damals schon zu zählen war) in den Archiven unterschiedlicher Rundfunkanstalten aufbereitet wurde, welche Rückschlüsse sich auf ihre politische Vereinnahmung (oder auch: ihren Ausschluss) im Hinblick auf den 2. Weltkrieg ziehen lassen und wie die Rundfunksender der Siegermächte nach 1945 die Rundfunkszene in den Ländern Europas veränderten.
Die zweite Schiene führt zu den Wirkungen, die die Aufarbeitungen des Jazzgeschehens in Rundfunk und TV auf kollektive Bewusstseins- und Verhaltensverschiebungen in verschiedenen Zielgruppen hatte. Bernd Hoffmann untersucht in seinem Vortrag „Jazz-Notizen für junge Leute“ drei Fernseh-Sendereihen der 1950er- und 1960er-Jahre aus dem Sendeverbund der ARD (von SWF, HR und NDR), die thematisch ein sehr unterschiedliches Profil aufweisen: Während die 1955 von Joachim-Ernst Berendt für den SWF entwickelte Reihe „Jazz – gehört und gesehen“ sich bis zu ihrer Einstellung im Jahr 1974 stark an US-amerikanischen Künstlern orientierte, adressierte Olaf Hudtwalker in der HR-Reihe „Jazz für junge Leute“ schon das Generationenproblem in der Jazzrezeption, das mittlerweile zu einem Schwerpunkt des Jazz-Diskurses geworden ist. Die NDR-Reihe „Notizen aus der Jazzwerkstatt“ dagegen bietet Einblicke aus den mutigen Eigenproduktionen, die die Jazzredaktion des NDR in jenem Zeitabschnitt, als an eine Jazz-Big Band unter der Fahne des NDR noch lange nicht zu denken war. Seine Befunde über diese drei Sendereihen stellt Hoffmann in einem ersten Ansatz zu einer internationalen Einordnung Beiträgen aus der BBC-Reihe „Jazz 625“ gegenüber. Den Gegenschnitt aus einer britischen Perspektive auf die TV- Sendereihe „Jazz 625“, die von 1964 bis 1966 im TV-Programm der BBC lief, stellt Tim Wall, Professor of Radio and Popular Music Studies aus Birmingham vor: Wall, der derzeit u.a. an einer Monografie über den Jazz im Radioprogramm der BBC zwischen 1922 und 1972 arbeitet, bettet diese Überlegungen in seine Präsentation des BBC-Jazz-Programms ein.
Der Historiker und Musikwissenschaftler Rüdiger Ritter geht noch einen Schritt weiter in Richtung Internationalität und untersucht die Wirkung, die der US-Radio-DJ Willis Conover, der von 1955 bis kurz vor seinem Tod 1996 auf dem US-amerikanischen Auslandssender Voice of America die Frohe Botschaft des Jazz in die Welt trug – auf den Jazz, die Alltagskultur und den Kunstbetrieb in dem Teil der Welt, der unter sowjetischer Vorherrschaft stehend, von einigen der Segnungen der amerikanischen Kultur weitgehend ausgeschlossen blieb. Dabei überbrachte Conover nicht nur die Botschaft vom amerikanischen Jazz, sondern schuf bei seinen Festivalbesuchen in Polen und der Tschechoslowakei, Ungarn und der Sowjetunion mit seinem Interesse an der dort entstehenden Jazzmusik auch eine Rückkopplungsschleife. Indem er das dortige Jazzschaffen in sein Programm auf Voice of America einspeiste, erhob er Musiker aus den versperrten Zonen auf die Ebene der Jazz-Rezeption und bestärkte sie wiederum in ihrem musikalischen Tun.
Auf einer dritten Schiene schließlich geht es um eine Bestandsaufnahme: Jazz-Hörfunk-Programme aus Ländern wie Österreich, Deutschland, Niederlande und Polen werden vorgestellt und analysiert. Der Wiener Jazzredakteur Andreas Felber (ORF) beschreibt die aktuelle Situation in der Alpenrepublik.
Vor dem Hintergrund der Unterscheidung zwischen linear versendeten Programmen und on-demand abrufbaren Podcasts oder anderen Inhalten stehen einerseits Erfahrungen mit bestimmten Präsentationsformen wie individualisiertes Autoren-Radio versus technisch generierte Playlists, stilistisch gebundene Jazzprogramme vs. Jazzinseln in einem stilistisch vielfältigen Musikprogramm zur Diskussion.

Stefan Hentz

Das Programm:

Carolyn Birdsall (Amsterdam):
Europäischer Jazz und das Radioarchiv.
In dieser Präsentation wird Dr. Carolyn Birdsall (Universität Amsterdam) ihr kürzlich durchgeführtes Forschungsprojekt zu Radio-Bibliotheken/-Archiven in Europa nutzen, um den Platz von (populärer) Musik in diesen Sammlungen und für die Programmproduktion zu betrachten. Die Präsentation wird Fallstudien darüber enthalten, wie (populäre) Musik, sowohl kommerzielle als auch “eigene Produktionen”, in den Sammlungen von Rundfunkanstalten in den 1930er-1940er Jahren präsentiert wurde. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Verwendung/den Missbrauch dieser Sammlungen im Kontext des Zweiten Weltkriegs (zum Beispiel bei Radio Luxemburg) und auf die sich verändernde Radio-Bibliotheks-/Archiv-Landschaft nach 1945 gelegt (zum Beispiel mit der Gründung von AFN und BFN in Europa).
 
Andreas Felber (Wien):
Eine Beziehung in Veränderung.
Die Präsenz von Jazz im öffentlichen Radio Österreichs.
In dieser Präsentation möchte Dr. Andreas Felber die Perspektive des Jazz in Österreich diskutieren. Für viele, insbesondere ältere Musikfans in Österreich, repräsentieren die 1970er und 1980er Jahre in Bezug auf die Präsenz von Jazz im österreichischen Rundfunk immer noch eine Art “goldenes Zeitalter”. Und das war kein Zufall: Als Folge der Rundfunkreform von 1967 wurden eine Vielzahl von Jazzprogrammen präsentiert. Insbesondere auf dem neu geschaffenen “Jugendradiosender” Ö3, aber auch im Fernsehprogramm war Jazz präsent. Schon in den Jahren vor der Liberalisierung des Rundfunkmarktes in Österreich im Jahr 1995 – sehr spät im europäischen Vergleich – begann die Rundfunkpräsenz von Jazz im Fernsehen und Radio zu schwinden: Improvisierte Musik wurde in den 1990er Jahren gänzlich aus dem Fernsehprogramm verbannt; was das Radio betrifft, wurde es während dieser Zeit ins Programm von ORF’s Kultur- und Informationsstation Ö1 verschoben. Hier findet der Jazz in Österreich immer noch seine wichtigste Medienplattform, einerseits durch sieben regelmäßige Sendungen (sechs davon wöchentlich) und andererseits durch die Aufzeichnung von etwa 100 Konzerten pro Jahr in ganz Österreich.
 
Tim Wall (Birmingham):
Jazz im Fernsehen.
The British Broadcasting Corporation and New British Jazz 1960-75.
In seinem Vortrag präsentiert Tim Wall (Professor für Radio und Popularmusikforschung, Birmingham City University, Birmingham, UK) Ergebnisse seines Forschungsprojekts über die Geschichte des Jazz-Programms auf den vier Hörfunkwellen der BBC in der für den britischen Jazz besonders regen Phase zwischen 1960 und 1975. Besonderes Augenmerk richtet Wall dabei auf das bahnbrechende BBC-TV-Programm  Jazz 625 zwischen 1964 und 1966, mit dem das zweite TV-Programm der BBC gestartet wurde. In seiner Präsentation nimmt Wall einige der Spannungen und Kontroversen zwischen den Musikern jener Zeit und der BBC ebenso ins Visier wie die Erfolge der BBC mit ihren Radio- und TV-Programmen im Bereich Jazz  in dieser Zeit, in der die Anstalt besonders aktiv auch die Zusammenarbeit mit anderen Radiostationen in Europa suchte und die Wege, Jazz im TV zu präsentieren erforschte. Anhand von Klangbeispielen streift er durch interessante Diskurse jener Zeit, die sich um das Verhältnis zwischen Jazz und Radio, Ideen einer nationalen oder europäischen Jazzszene konstituierten und die Frage der Vermittelbarkeit von Jazz mit den Mitteln des Rundfunks drehen.

Rüdiger Ritter (Bremerhaven):
Jazz-Diplomatie im Kalten Krieg,
Willis Conovers Jazz-Sendungen auf “Voice of America” und ihre Rezeption im Ostblock (Sowjetunion, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn).
Mit seiner Radiosendung Music USA – Jazz Hour, die ab 1955 vier Jahrzehnte lang jeden Abend weltweit über Kurzwelle ausgestrahlt wurde, bot der Voice-of-America-Radio-Moderator Willis Conover nicht nur eine wesentliche Quelle für Jazzinformationen, sondern verwirklichte auch eine zentrale Aufgabe der US-amerikanischen Kulturdiplomatie. Conover reiste auch persönlich in die Staaten des Ostblocks, spielte eine wichtige Rolle bei der Gestaltung von Jazzfestivals wie dem Jazz Jamboree und wurde zu einer Legende unter Jazzmusikern und -liebhabern. Geschickt nutzten Kulturpolitiker in den Ländern des Ostblocks seine Präsenz, was zu einer Stärkung der lokalen Jazzszenen führte. Der Vortrag zeigt Conovers Rolle in diesem kulturpolitischen Wettbewerb. Grundlage ist sein Nachlass, der erstmals zu diesem Zweck ausgewertet wurde, sowie Recherchen in Archiven und Gespräche mit Zeitzeugen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks.
 
Bernd Hoffmann (Köln):
“Jazz Notes for Young People”.
Drei deutsche Fernsehserien der 1950er und 1960er Jahre.
In dieser Präsentation möchte PD Dr. Bernd Hoffmann (RadioJazzResearch) die Perspektive des Jazz im westdeutschen Fernsehen diskutieren. Während in den 1950er-Jahren zahlreiche Hörfunksendungen ausgestrahlt waren, sah man in den 1960er Jahren eine erstaunliche Anzahl von Fernsehserien, die sich auf improvisierte Musik konzentrierten.
Dabei könnten die Jazz-Sendereihen von SWF (Südwestfunk), HR (Hessischer Rundfunk) und NDR (Norddeutscher Rundfunk) kaum unterschiedlicher sein, und genau deshalb ist der Vergleich lohnenswert: Die umfangreiche SWF-Reihe (“Jazz – Gehört und Gesehen”), die bereits 1955 von Joachim Ernst Berendt gestartet wurde, ist stark an den Tourneen von US-Künstlern in Europa ausgerichtet. Die HR-Serie (“Jazz für junge Leute”) mit Olaf Hudtwalker konzentriert sich auf das regionale Thema und die Amateur-Szene im Nachmittagsprogramm, und schließlich gibt die NDR-Serie („Notizen aus der Jazz-Werkstatt“) Einblicke in die Produktionen des äußerst aktiven Radio-Jazz-Redaktionsteams um Hans Gertberg. Drei sehr unterschiedliche Perspektiven des Jazz im Fernsehen – Anfang der 1960er Jahre – in der Bundesrepublik Deutschland.
 
Tara Minton (London):
Der von Musikern geleitete und produzierte Jazz-Podcast. Eine persönliche Perspektive.
Der Jazz-Podcast begann als kleine, lokale Show mit Fokus auf die britische Jazzszene. Nachdem er im Jahr 2021 in die Sammlung der British Library aufgenommen wurde, hat er seinen Fokus auf aufstrebende und legendäre aus Europa, Amerika und der ganzen Welt erweitert.
Diese Präsentation wird diskutieren, warum der “Do-It-Yourself”-Charakter von Podcasts eine gute Voraussetzung ist, sinnvolle Gespräche mit Jazzmusikern über ihre Kunst und ihr Leben zu führen. Als professionelle Jazzmusiker haben sowohl Tara Minton als auch Rob Cope, die beiden Hosts des Podcast eine Insider-Perspektive, die ihnen im Gespräch mit anderen Künstlern einen guten Zugang schafft. Im Laufe der Jahre hat der Jazz-Podcast enge Beziehungen zu Labels, Managern und Promotern aufgebaut, ohne je seine Authentizität als Graswurzelmedium zu verleugnen. Während Radiomoderatoren an Zeitlimits gebunden sind, ist das Medium des Podcast flüssiger und schafft Raum für eine persönlichere und authentischere Interaktion mit den Künstlern.
Die Präsentation wird Audio- und Videoausschnitte aus Lieblingsinterviews enthalten, und es wird am Ende Zeit für Fragen geben.

Die Speaker

Carolyn Birdsall (Amsterdam) – Europäischer Jazz und das Radioarchiv
Andreas Felber (Wien) – Eine Beziehung in Veränderung. Die Präsenz von Jazz im öffentlichen Radio Österreichs.
Tim Wall (Birmingham): Jazz im Fernsehen. The British Broadcasting Corporation and New British Jazz 1960-75
Rüdiger Ritter (Bremerhaven) – Jazz-Diplomatie im Kalten Krieg, Willis Conovers Jazz-Sendungen auf “Voice of America” und ihre Rezeption im Ostblock (Sowjetunion, Polen, Tschechoslowakei, Ungarn)
Bernd Hoffmann (Köln) – “Jazz Notes for Young People”. Drei deutsche Fernsehserien der 1950er und 1960er Jahre
Tara Minton (London) – Der von Musikern geleitete und produzierte Jazz-Podcast. Eine persönliche Perspektive.

Programmlinien
Kultur im Fluss

Veranstaltungsinfos

Wo
Goiserer Mühle
Kurparkstraße 9, 4822 Bad Goisern am Hallstättersee
Sprachen
DEUTSCH